Frankreich als erstes Land mit Unterstützung der UN Open-Source-Prinzipien – und jetzt?
Emmanuel Belo
In einem historischen und symbolträchtigen Schritt hat Frankreich als erstes Land offiziell die Open-Source-Prinzipien der Vereinten Nationen anerkannt – gemeinsam mit Organisationen wie der Open Source Initiative, der Linux Foundation und der Eclipse Foundation.
Dieser Schritt zeigt, dass Open Source international zunehmend als mehr als nur eine technische Entscheidung gesehen wird: Es ist ein Governance-Modell für das digitale Zeitalter. Doch wie bei jedem politischen Signal lohnt sich ein genauerer Blick hinter die Schlagzeilen.
Was sind die UN Open-Source-Prinzipien?
Herausgegeben vom Digital Technology Network (DTN) des Chief Executives Board der UN, bieten diese Prinzipien einen gemeinsamen Rahmen für die Open-Source-Zusammenarbeit im öffentlichen Sektor weltweit.
Die acht Grundprinzipien lauten:
- Standardmäßig offen
- Aktive Beteiligung
- Sicherheit und Vertrauen
- Inklusiv und gerecht
- Wiederverwendbar und interoperabel
- Dokumentiert und auffindbar
- Anerkannt und unterstützt
- Nachhaltig und skalierbar
Es handelt sich um einen pragmatischen, ausgewogenen Rahmen, der nicht nur zur Nutzung von Open Source anregen soll, sondern auch zur aktiven Mitwirkung – ein Bereich, in dem öffentliche Institutionen oft zurückhaltend sind.
Source: UN Open Source Principles
Keine Premiere, sondern Bestätigung
Wie das französische Team CodeGouvFr auf Mastodon betonte, ist diese Anerkennung kein Neuanfang, sondern die Bestätigung einer bestehenden Realität:
„Frankreich hat nie aufgehört, freie und Open-Source-Software zu unterstützen.“ — @codegouvfr
Frankreich gehört seit langem zu den aktivsten EU-Mitgliedstaaten in der Förderung freier Software im öffentlichen Bereich. Die Freie-Software-Einheit der DINUM unterstützt weiterhin Strategien auf Staatsebene. Initiativen wie BlueHats, die Beamte mit Entwicklern vernetzen, zeigen, dass Open Source als Bürgerpraxis verstanden wird – nicht nur als Budgetposten.
Auf der Plattform code.gouv.fr veröffentlicht Frankreich Hunderte von staatlich entwickelten digitalen Werkzeugen – ein Ort der Transparenz und des Aufbaus digitaler öffentlicher Infrastruktur.
Ein globaler Wandel hin zur digitalen Souveränität?
Frankreichs Schritt könnte internationale Wirkung zeigen. Er passt zu weiteren Entwicklungen:
- Die EU-Kommission verfolgt mit der Open-Source-Strategie 2020–2023 Ziele in Richtung digitale Souveränität.
- Länder wie die Schweiz, Deutschland, Italien oder Estland investieren in öffentlichen Code als Teil ihrer digitalen Resilienz.
- Organisationen wie die WHO oder die ITU setzen auf „Open First“-Ansätze in Schlüsselbereichen.
Frankreich könnte nun eine koordinierende Rolle übernehmen – auf nationaler wie internationaler Ebene.
Erfolgsgeschichten aus der Praxis
Ein Beispiel für die Umsetzung der UN-Prinzipien zeigte sich bei den Acteurs du Libre 2024: Camptocamp und IGN erhielten den Preis für die beste öffentlich-private Zusammenarbeit für La Géoplateforme und cartes.gouv.fr. Diese Projekte zeigen, wie Co-Investition und Governance auf Augenhöhe moderne, interoperable Geodienste ermöglichen.
Die gemeinsame Entwicklung von GeoNetwork-UI steht für nutzerzentriertes Design und offene Standards zur Verbesserung des Metadatenzugangs – für Fachleute wie für die Öffentlichkeit.
Auch das Projekt NexSIS 18-112 der ANSC mit Camptocamp zeigt, wie cloud-native Technologien wie GeoServer Cloud kritische Infrastrukturen stärken können. Die Beiträge zum GeoServer-Projekt zeigen Engagement für Community-getriebene Innovation.
IGN unterstützt zusätzlich das GeoServer GS3 Crowdfunding, um die Plattform zu modernisieren – mit Spring Framework 6, Java 17 und aktuellen Standards wie Jakarta EE und Tomcat 10. IGN beweist: Behörden nutzen nicht nur Open Source, sie gestalten es aktiv mit.
Offene Fragen und Spannungen
Trotz des Fortschritts bleiben Spannungen sichtbar. Manche Beschaffungsentscheidungen im öffentlichen Bereich werfen Fragen auf zur Kohärenz mit Open-Source-Werten.
Das Dilemma: Politische Absicht versus tatsächliche Umsetzung. Prinzipien zu unterzeichnen ist leicht – aber was ist mit Budgets, Ausschreibungen, Schulungen und langfristigem Support?
Die zentralen Fragen:
- Wird Open Source in Ausschreibungen wirklich bevorzugt?
- Dürfen staatliche Entwickler Zeit für Community-Arbeit aufwenden?
- Gibt es langfristige Investitionen in gemeinsame digitale Infrastrukturen?
Vom Signal zum Wandel
Frankreichs Schritt ist wichtig, aber erst der Anfang. Eine echte Umsetzung der UN-Prinzipien bedeutet:
- Beiträge zu freier Software als Wertschöpfung anerkennen.
- Beschaffungssysteme so gestalten, dass Offenheit und Nachhaltigkeit belohnt werden.
- Open-Source-Maintainer aktiv finanzieren und sichtbar machen.
- Europäische Plattformen schaffen, die wiederverwendet und verbessert werden können.
Frankreich hat das Potenzial, diese Transformation anzuführen – vorausgesetzt, es folgen Mut, Klarheit und Zusammenarbeit über Ressort- und Ländergrenzen hinweg.
Wie geht’s weiter?
Die UN-Prinzipien sind ein Fahrplan. Frankreich geht voran. Jetzt bleibt die Frage: Wer folgt – und wie?
Eine offene Einladung:
- An Beamte, mehr Code zu öffnen und sich upstream zu beteiligen.
- An Entscheidungsträger, Open Source in Beschaffungsrichtlinien zu verankern.
- An Entwickler:innen und Communities, staatliches Engagement zu begleiten und weiterzutreiben.
Open Source ist mehr als ein Lizenzmodell. Es ist ein Vertrauens- und Kooperationsprinzip. Regierungen haben die Verantwortung – und die Chance – es vorzuleben.
Nicht beim Symbol aufhören. Bauen wir gemeinsam das digitale Gemeingut.
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